Geschichten aus 85 Jahren SEW-EURODRIVE: Antriebstechnik

Getriebemotor 1956
Antriebstechnik von SEW-EURODRIVEWegbereiter des technischen Fortschritts

Vom Vorgelegemotor zum mechatronischen Antriebssystem

Die Antriebstechnik trieb im 20. Jahrhundert die Industrialisierung maßgeblich voran. Sie bildet heute eine wichtige Säule der gesamten Automatisierung. In wechselvollen Jahrzehnten revolutionierten das Baukastensystem, der Vormarsch der Elektronik sowie neue Konstruktions- und Produktionsverfahren den Entwurf, die Fertigung und die Leistungsfähigkeit elektrischer Antriebe.


Als Schrittmacher auf dem Gebiet der Antriebsautomatisierung gestaltete und gestaltet SEW-EURODRIVE diese Entwicklungen maßgeblich mit.


Anfang des 20sten Jahrhunderts dominieren in den Fabrikhallen die Antriebsriemen

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts dominierten in der Industrie Transmissionsantriebe. Ein zentraler Motor trieb mehrere Maschinen an. Abgesehen von Übertragungsverlusten und Lärmbelästigung bargen die zahlreichen Antriebsriemen in einer Fabrikhalle ein hohes Verletzungsrisiko. Ein weiterer Nachteil war die geringe Energieeffizienz, weil der Motor auch angeschaltet werden musste, wenn nur eine einzige Maschine lief.

Die nächste Entwicklungsstufe bestand in der Montage von Elektromotor, Getriebe und zwischengeschalteter Kupplung auf einer Grundplatte. Dadurch wurde nun zwar der Einzelantrieb ermöglicht, doch ließ dieses System nur geringe Variabilität in der Aufstellung zu und erforderte bei manchen Maschinen viel Einbauplatz.


Die 1920er Jahre: technischer Fortschritt durch Motor-Getriebe-Kombination

Der Konstrukteur Albert Obermoser aus dem nordbadischen Bruchsal war einer derjenigen, die sich auf die Suche nach einer platzsparenden Lösung machten. Am 11. August 1928 meldete er sein Patent des „Vorgelegemotors“ an. Obermoser koppelte den Elektromotor direkt mit einem niedertourigen Antriebselement. Die Vorteile der Erfindung bestanden in der kleineren, kompakteren Antriebseinheit und in ihrem ruhigeren und präziseren Lauf. Technikhistorisch ist darin ein Vorgänger des Getriebemotors zu sehen, dessen wesentliche Elemente er bereits enthielt.


Mit dem Vorgelegemotor stand Ende der zwanziger Jahre eine Antriebseinheit zur Verfügung, die je nach Maschinenerfordernissen mit verschiedenen Getrieben arbeiten konnte und – das ist am wichtigsten – den Einzelantrieb von Maschinen ermöglichte.

In der Patentschrift zum Vorgelegemotor wird die Neuheit so beschrieben:

„Die Erfindung bezieht sich auf ein Motor-Getriebe-Aggregat mit einem am Getriebegehäuse angeflanschten Motorkörper, bei dem die Motorwelle an einer Seite statt in einem Lagerschild in der Wandung des Getriebegehäuses und die Vorgelegewelle in zwei Wänden des gleichen Teils dieses Gehäuses gelagert sind.“

Getriebemotor 1956
Getriebemotor 1956
SEW-Motorenherstellung um 1940
SEW-Motorenherstellung um 1940

Die 1930er Jahre: Gründung der Süddeutschen Elektromotorenwerke

Einmal in Bewegung gekommen, war der Siegeszug des Getriebemotors, so wie wir ihn heute kennen, nicht mehr zu stoppen. Auch bei den 1931 gegründeten Süddeutschen Elektromotorenwerken – heute SEW-Eurodrive – erkannte man damals sehr schnell die herausragenden Möglichkeiten dieser Antriebstechnik und verfolgte konsequent ihrer Weiterentwicklung und Optimierung. Unter Federführung des Firmengründers Christian Pähr machte sich das Bruchsaler Unternehmen in den folgenden Jahren einen Namen in der Maschinenbaubranche.

Die 1940er Jahre: Neuanfang und Aufbaujahre

Neuanfang und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kennzeichnen die zweite Hälfte der 40er Jahre. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, im Jahre 1945, übernahm Ernst Blickle, der Schwiegersohn von Christian Pähr, die Geschäftsführung. Er baute den Betrieb trotz der schwierigen Nachkriegszeiten immer weiter aus. Nach den Reparaturarbeiten konnte man bald wieder zur Produktion von Getriebemotoren (Bild) übergehen.


Beim Wiederaufbau waren Antriebe von SEW-EURODRIVE ein gefragtes Hilfsmittel. Schon vor der Währungsreform 1948 zeichnete sich ein kleiner Boom auf dem Getriebemotorenmarkt ab. Im Frühjahr 1948 erfolgte die Grundsteinlegung für das Werk in Graben bei Bruchsal. Im Westen Deutschlands entstanden erste technische Vertretungen, die als freie Händler den Kunden SEW-EURODRIVE Produkte anbieten konnten. 1949 tritt das deutsche Grundgesetz in Kraft; auch in der Industrie geht es voran.

Von 1950 bis heute

Die 1950er Jahre: Getriebemotoren als Innovationsträger

Zu einer Zeit, in der es galt, ein ganzes Land komplett wieder aufzubauen und einen immensen Bedarf an Gütern und im Krieg zerstörten Produktionsanlagen zu decken, wurde SEW-EURODRIVE zu einem festen Bestandteil des deutschen Wirtschaftswunders.

Ursprünglich kombinierte man den Elektromotor mit einem Stirnradgetriebe. Die Weiterentwicklung des Getriebemotors erfolgte durch die Erfindung und den Einsatz von neuen Getriebearten. Der zunehmende Variantenreichtum dieser Kombinationen ermöglichte den universellen Einsatz des Getriebemotors in allen Teilen des industriellen Prozesses. In der Startphase von SEW-EURODRIVE wurden Hobelmaschinen, Schleifmotoren, Bandsägen und weitere Maschinen mit Elektromotoren angetrieben.

Mitte der 1950er Jahre hatte SEW-EURODRIVE bereits die Innovationsstufe vom Stirnradgetriebe zum Schneckengetriebe vollzogen. Wenig später kamen mechanisch stufenlos regelbare Antriebe hinzu. Die Abnehmer der Getriebemotoren fanden sich in den 1950er Jahren vor allem in der Bauindustrie, im Bergbau und anderen Grundstoffindustrien.

Die 1960er Jahre: Großserienfertigung und Baukastensystem

In der Antriebstechnik gab es in den 1960er Jahren wegweisende Entwicklungen. Die vielleicht bedeutendste gelang SEW-EURODRIVE Mitte der 1960er Jahre mit dem modularen Baukastensystem für die Herstellung von Getriebemotoren. Es bildet bis heute eine der Säulen des Unternehmenserfolgs. Auf der Basis einer überschaubaren Anzahl von standardisierten Einzelteilen und Baugruppen war es von nun an möglich, wirtschaftlich und in kurzer Zeit Antriebslösungen zu realisieren, die nicht nur durch ihre Vielseitigkeit, sondern auch durch ihre gleich bleibend hohe Qualität überzeugten. Die Kombination von Getrieben und Motoren aus dem Baukasten ermöglichte Millionen Varianten für jedes Kundenbedürfnis. Die schnelle Lieferung genormter Teile und ihr rascher Zusammenbau verhalf SEW-EURODRIVE zu einem echten Wettbewerbsvorteil.

Das System der zentralen Fertigung in Nordbaden und dem Elsass sowie der dezentralen Montage vor Ort bot aber nicht nur Zeit- und Angebots-, sondern auch Kostenvorteile. Denn die Großserienfertigung reduzierte die Herstellungskosten. Die Struktur des Baukastensystems ließ sich hervorragend mit einer guten Serviceorganisation verknüpfen. Die Angebotspalette des Unternehmens umfasste Ende des Jahrzehnts eine Vielzahl von Getriebe- und Motorenkonstruktionen: als Grundtypen Stirnrad- und Schneckengetriebe, mechanische Verstellgetriebe und Bremsmotoren.

Die 1970er Jahre: Größeres Portfolio und neue Märkte

Bedeutende technische Leistungen kennzeichneten die 70er Jahre: der neue Elbtunnel in Hamburg, die Concorde oder das Apollo-Sojus-Projekt. Eine sehr bodenständige Erfindung hingegen war der Personal Computer. Er löste möglicherweise die größte technische Revolution aus. In dieser Dekade gab es auch in der Antriebstechnik viele wegbereitende Entwicklungen. Manch eine wurde durch SEW-EURODRIVE in Bruchsal initiiert und vorangetrieben. 1970 blickt das Unternehmen bereits auf ein erfolgreiches Jahrzehnt der Auslandsexpansion zurück. Das Unternehmen hat inzwischen 2.000 Mitarbeiter.

Mit der Übernahme der Firma Obermoser 1973 kamen einige neue Motorengruppen zum SEW-Portfolio hinzu. Dazu gehörten Gleichstrommotoren, die damals noch eine größere Bedeutung auf dem Markt hatten. Auch Obermosers Praxis, die Motoren mit Namen zu versehen, wurde übernommen. Das SEW-EURODRIVE Produktprogramm beinhaltete mittlerweile Stirnrad- und Schneckenradgetriebe sowie die zugehörigen Motoren, Keilriemen- und Reibrad-Verstellgetriebemotoren, Kupplungen, Bremsmotoren, Gleichstrommotoren, Stromrichter und elektrisches Zubehör. Das Baukastensystem dieser Komponenten ermöglichte jetzt über 13 Millionen Antriebskombinationen.

Die eigentliche Neuheit dieses Jahrzehnts stellte SEW-EURODRIVE 1977 auf der Hannover Messe vor: Kegelradgetriebe als ein wesentlicher Fortschritt der Antriebstechnik, mit einem hohen Wirkungsgrad und besonders wirtschaftlich. Sie erbrachten eine größere Leistung bei einem verminderten Geräuschpegel. Mit der neuen K-Getriebereihe weitete sich der Anwendungsbereich der Getriebemotoren wesentlich aus.

Die 1980er Jahre: zunehmende industrielle Automatisierung

Mit der Verbreitung von Personal Computern Anfang der 1980er Jahre erschienen zahlreiche Computerhersteller und Betriebssysteme auf dem Markt. Es setzte ein regelrechter CAD-Boom ein, der das Konstruieren in der Antriebstechnik nachhaltig beeinflusste. Gemeinhin gelten die achtziger Jahre auch als das Jahrzehnt, in dem die Elektronik Einzug in die industrielle Produktion hielt.

So trieben jetzt Frequenzumrichter die Motoren jetzt an. Auch in der Prozessautomatisierung wurden zunehmend elektronische Steuerungen verwendet und elektrische Komponenten zu kompletten Systemen zusammengefügt. Es kam nicht mehr nur auf die Qualität der Einzelkomponenten wie Getriebemotoren an, sondern auf ihr reibungsloses Zusammenspiel im Rahmen eines elektronisch gesteuerten Systems.

Die 1990er Jahre: Die Zukunft ist dezentral

In den neunziger Jahren stellte das Unternehmen mit neuen Produkten und Lösungen wieder seine Innovationskompetenz unter Beweis. 1991 wurden besonders spielarme Getriebe auf den Markt gebracht sowie eine neue Umrichtergeneration. Hochdynamische Servomotoren erschlossen weitere Kundenkreise. Für die Abnehmer aus den Branchen der Papier- und Zelluloseindustrie sowie dem Bergbau ergänzte SEW-EURODRIVE sein Sortiment um Großgetriebe.

Firmeninhaber Ernst Blickle rief eine Gruppe für Antriebselektronik ins Leben. Eine Grundsatzentscheidung stand an: „Make or buy?“ 1991 fiel die Entscheidung, eine eigene Elektronikfertigung in Bruchsal zu installieren.

In den Folgejahren entwickelte SEW-EURODRIVE erneut ein innovatives Gesamtkonzept, das die moderne Antriebstechnik nachhaltig beeinflussen sollte. Die Forderung nach einer verstärkten Sicherheit durch elektromagnetische Verträglichkeit führte zu dezentralen Antriebssystemen, bei denen die Komponenten – Frequenzumrichter, Motorenschalter und Feldverteiler – nicht mehr in zentralen Schaltschränken untergebracht waren, sondern direkt an der Maschine, am Förderband oder unmittelbar in der Nähe. Dadurch wurde die Leistungsfähigkeit der Produktionsanlagen gesteigert. Sie ließen sich flexibler konfigurieren und konnten somit auch komplexere Aufgaben erfüllen.

1997 stellte SEW-EURODRIVE auf der Hannover Messe den ersten Getriebemotor mit integriertem Frequenzumrichter vor: MOVIMOT®. Das war ein entscheidender Schritt in das mechatronische Zeitalter. Damit gehörte das Bruchsaler Unternehmen zu den Pionieren im Bereich der dezentralen Antriebstechnik. Die Anlagenbauer erkannten schnell die Möglichkeiten des dezentralen Antriebskonzepts von SEW-EURODRIVE, das heute in der Praxis längst Standard ist.

Die 2000er Jahre: Durchbruch der Mechatronik

Auf der Marktseite zeichnen sich seit Anfang der 2000er Jahre erneut Veränderungen ab. Die Kunden wollen in immer stärkerem Maße nicht nur einzelne Produkte kaufen, sondern komplette Lösungen erwerben.

2005 stellte SEW-EURODRIVE auf der Hannover Messe mit MOVIGEAR® den nächsten Entwicklungsschritt vor – eine mechatronische Antriebseinheit, bei der Motor, Getriebe und Umrichter zu einer Einheit verschmolzen.

2007 präsentierte SEW-EURODRIVE auf der Hannover Messe eine eigenentwickelte Industriegetriebe-Baureihe, die das Programm nach oben erweiterte. Zur Fertigung dieser Getriebe entstand in Bruchsal ein neues Produktionswerk.

Ein Kernthema von SEW-EURODRIVE auf der Hannover Messe 2009 bildete die Ausweitung der Service- und Zusatzdienstleitungen. Nicht das Produkt, sondern der Kunde und seine Wünsche und Bedürfnisse stehen bei SEW-EURODRIVE im Mittelpunkt.

Die 2010er Jahre: Weitere Erhöhung der Energieeffizienz

Schon seit 2002 bietet SEW-EURODRIVE besondere Energiesparmotoren mit Läufern aus gegossenem Kupfer an. Heute ermöglicht der Standard-Motorbaukasten DR.. von SEW-EURODRIVE weltweit Millionen von Antriebskombinationen. Seit der Hannover Messe 2011 wurde er um die Ausführung DRU.. erweitert, die auch die Anforderungen der Effizienzklasse Super Premium Efficiency erfüllt.

Dieser sogenannte Line Start-Permanentmagnet-Motor vereinigt die Vorteile der robusten Asynchronmaschine mit denen des verlustarmen Synchronmotors. Er kann am Frequenzumrichter oder direkt am Netz betrieben werden. Unabhängig von der benötigten Energiesparklasse stehen Drehstrommotoren in allen Wirkungsgradklassen mit sämtlichen Motoroptionen und -ausführungen zur Verfügung. Damit ist der Bruchsaler Antriebsspezialist einer von wenigen Herstellern, die weltweit ein derart umfangreiches und vollständiges Produktprogramm anbieten können.

Jüngstes Mitglied in der Familie der der mechatronischen Antriebssysteme von SEW-EURODRIVE ist der ebenfalls 2011 vorgestellte Elektronikmotor DRC. Er lässt sich mit Getrieben aus dem umfangreichen SEW-Baukasten kombinieren und dadurch noch universeller einsetzen. Beide Antriebe erfüllen die Anforderungen der Effizienzklasse IE4.


Kundenwünsche im Mittelpunkt

Die Bedeutung der Erfindung des Getriebemotors für die industrielle Fertigung kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Motor-Getriebe-Einheiten kommen heute in allen Branchen der Produktion und Logistik zum Einsatz und eröffnen vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Mit der Erfahrung aus millionenfachen Anwendungen kann SEW-EURODRIVE seinen Kunden einen deutlichen Mehrwert bieten, der über das reine Produkt hinausgeht. Bei allen marktführenden Innovationen und herausragenden Produkten stehen bei SEW-EURODRIVE immer der Kunde und seine Wünsche und Bedürfnisse im Mittelpunkt.

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